Politik auf Hallenboden
Die Sporthalle der Obermayr Europa-Schule im Wiesbadener Stadtteil Erbenheim wirkte an diesem Vormittag ungewohnt konzentriert. Wo sonst Bälle fliegen, standen Mikrofone. Die Kommunalwahl rückt näher – und für gut siebzig Minuten wurde die Schule zum politischen Forum.
Geleitet wurde die Podiumsdiskussion von Cara Sprengart und Julian Karden, einem Moderatorenduo aus der Schülerschaft. Sie strukturierten die Veranstaltung klar, riefen gezielt einzelne Parteivertreter zu Themenblöcken ans Mikrofon und ließen kurze Statements sowie direkte Streitgespräche zu. Lange Reden wurden weitgehend unterbunden, Unterschiede und Meinungen wurden hörbar. Unterstützt wurde das Du von einer kleinen vielen „Helfern”.
Wer auf dem Podium sitzt
Vertreten war ein breites kommunalpolitisches Spektrum: Daniela Georgi (CDU), Christian Diers (FDP), Marius Becker (SPD), Martin Kraft (Bündnis 90/Die Grünen), Ingo von Seemen (Die Linke), Denis Seldenreich (AfD), Matthias Bedürftig (Freie Wähler), Lukas Haker (Die PARTEI), Mario Bohrmann (BSW), Renate Kienast-Dietrich (Bürgerliste Wiesbaden) und Günther Schäfer (Pro Auto). Nicht alle der fünfzehn Parteien bzw. Wählergruppen, die antreten, waren vertreten, aber das Feld war gut bestellt.
Jugend und Innenstadt: Wem gehört die Stadt?
Der erste Themenblock widmete sich der Jugend in der Innenstadt – und damit einem besonders greifbaren Konflikt. Wo können Jugendliche sich treffen, ohne dass Konsumzwang oder ständige Kontrolle sie behindern? Daniela Georgi (CDU) betonte die Notwendigkeit von Ordnung, Sicherheit und klaren Regeln. Aufenthaltsqualität entstünde dort, wo Menschen sich sicher fühlten. „Treffpunkte für Jugendliche dürfen nicht nur Orte der Belästigung sein“, sagte sie.
Martin Kraft (Grüne) setzte andere Schwerpunkte: Mehr Grünflächen, Skateparks, Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang. Jugendliche bräuchten Räume, die zur Selbstentfaltung einladen würden, nicht nur zur Einkaufsbummel-Überwachung. Lukas Haker (Die PARTEI) brachte die Debatte mit Humor auf den Punkt: „Wenn wir Jugendlichen keinen Raum geben, erobern wir halt die Bushaltestellen.“ Applaus aus den Schülerreihen. Günther Schäfer (Pro Auto) warnte vor einer zu starken Einschränkung des Verkehrs. Wer alles auf Fußgängerzone und Fahrradwege konzentriere, vergesse die Durchlässigkeit der Innenstadt.
In der Debatte wurde klar: Für die einen zähle Sicherheit, für die anderen Freiheit. Für die Jugendlichen selbst – viele sitzen im Publikum – ist es oft der Alltag, der entscheidet, wer sich wo wohlfühlt.
Mobilität und ÖPNV: Zwischen Ausbau und Frust
Mobilität war das zweite Schwergewicht. Wer aus Erbenheim zur Schule pendelt, kennt die Probleme aus eigener Erfahrung: verspätete Busse, volle Linien, fehlende Takte.
Martin Kraft (Grüne) verwies auf geplante Taktverdichtungen, neue Buslinien und den Umstieg auf Elektromobilität. Der ÖPNV wäre nicht nur Klimaschutz, sondern auch soziale Teilhabe. Jeder sollte unabhängig vom Auto mobil sein können. Denis Seldenreich (AfD) kritisierte diese Ausrichtung: Viele Bürger fühlten sich bevormundet, während Busse zu spät kämen und Tickets teuer seien. Wahlfreiheit müsste erhalten bleiben.
Günther Schäfer (Pro Auto) verteidigte erneut das Auto und fordert Pendlerfreundlichkeit. „Wer nur auf Busse setzt, macht das Leben für Berufspendler kompliziert“, sagte er. Marius Becker (SPD) betonte, dass gute Mobilität Bildungschancen erweitert: Wer nicht pünktlich zur Schule oder Ausbildung kommt, verliert den Anschluss. Der öffentliche Nahverkehr wäre deshalb ein Schlüssel für Chancengleichheit.
Die Diskussion wurde konkret: Schüler tuschelten, tauschten sich untereinander aus, lobten einzelne Linien, kritisierten andere. Kurz entstanden einzelne lebendige Debatten – Theorie traf auf Alltag.
Sicherheit: Prävention oder Überwachung?
Bei dem Thema Sicherheit prallten Positionen aufeinander. Daniela Georgi (CDU) sprach sich für Videoüberwachung an kriminalitätsbelasteten Orten aus. Sie könne Straftaten verhindern und das Sicherheitsgefühl stärken.
Ingo von Seemen (Die Linke) widersprach entschieden. Videoüberwachung löse keine sozialen Probleme, sondern verlagere sie. Sicherheit entstehe durch Prävention, Sozialarbeit und Vertrauen – nicht durch Kameras. Matthias Bedürftig (Freie Wähler) setzte auf mehr Präsenz von Stadtpolizei und Ordnungsamt in sensiblen Bereichen, während Renate Kienast-Dietrich (Bürgerliste Wiesbaden) für Workshops, Bürgerpatenschaften und Nachbarschaftsprojekte plädierte.
Die Diskussion zeigte: Sicherheit ist nicht nur ein technisches Problem, sondern auch ein soziales und kulturelles.
Wohnen: Platz wird knapp
Bezahlbarer Wohnraum bleibt ein Dauerthema. Marius Becker (SPD) forderte mehr kommunalen Wohnungsbau, insbesondere für Familien und junge Erwachsene. Martin Kraft (Grüne) sprach über nachhaltige Nachverdichtung, energieeffiziente Neubauten und sozial durchmischte Quartiere. Günther Schäfer (Pro Auto) wies auf Parkplatzmangel hin und plädierte für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wohnraum und Infrastruktur. Lukas Haker (Die PARTEI) kommentierte augenzwinkernd: „Wer Wohnen wählt, muss auch mit dem nervigen Baustellenlärm leben.“
Die Debatte veranschaulichte die komplexen Interessen: mehr Wohnraum, begrenztes Bauland, Mobilität, soziale Gerechtigkeit – alles musste unter einen Hut.
Bildung und Chancen
Abschließend ging es um Bildung und Chancengleichheit. Marius Becker (SPD) forderte bessere Ausstattung, mehr Unterstützung für benachteiligte Kinder und frühzeitige Förderung. Martin Kraft (Grüne) betonte Ganztagsangebote, Freizeitmöglichkeiten und außerschulische Projekte als wichtige Ergänzungen.
Ingo von Seemen (Die Linke) wies auf fehlende soziale Strukturen hin: Kinder aus einkommensschwachen Familien bräuchten gezielte Förderung, damit Unterschiede nicht zementiert werden.
Daniela Georgi (CDU) appellierte an Eigenverantwortung und Struktur, um schulische Leistungen zu verbessern.
Die Schüler im Publikum brachten konkrete Beispiele: fehlende Computer, überfüllte Klassen, zu wenig Unterstützung in Projekten. Die Debatte war so greifbar und lebensnah.

Demokratie zum Mitnehmen
Nach rund siebzig Minuten endete die Podiumsdiskussion mit einem Voting. Das beste Ergebnis erzielte Daniela Georgi, gefolgt von Lukas Haker, vor der FDP und der AfD. Die symbolische „rote Laterne“ ging an diesem Freitag an die SPD und Marius Becker. Applaus, Gespräche und Diskussionen begleiten die Schüler auf dem Weg nach draußen. Politik wurde greifbar – nicht abstrakt. Unterschiede wurden sichtbar, Debatten spürbar, und manchmal reicht dafür schon eine Sporthalle.
Fotos – ©2026 Volker Watschounek
Podiumsdiskussionen an der Obermayr Europa-Schule
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